Der jüdische Friedhof

Der jüdische Friedhof auf dem Trierer Hauptfriedhof wurde 1920 angelegt, um den alten jüdischen Friedhof an der Weidegasse zu ersetzen, der mit ungefähr 3481 Quadratmetern Fläche voll belegt und nicht mehr erweiterbar war.

Da im jüdischen Glauben der Friedhof das Haus der Ewigkeit für die Verstorbenen ist, darf eine Grabstätte nicht nach einer bestimmten Ruhefrist aufgelassen oder neu belegt werden, wie es der christliche Glaube erlaubt. Dahinter steht der Gedanke, daß Körper (Grab) und Seele (Jenseits) über den Tod hinaus verbunden bleiben und jede Störung der Ruhe des Bestatteten zu unterbleiben hat. Auch Umbettungen sind tabu. Die einzige Möglichkeit weitere Verstorbene zu bestatten war, neben der Erweiterung des Friedhofsgeländes, die Bestattung übereinander, bei Erhalt des Grabsteins. Selbstredend ist auch eine Auflassung des Friedhofes und eventuelle spätere Bebauung im jüdischen Glauben streng untersagt, zumal die Grabstätte als Eigentum des dort Bestatteten gilt. So gibt es im Hebräischen mehrere Bezeichnungen für den Friedhof, die übersetzt „Haus der Ewigkeit“, „Haus der Gräber“ „Hof des Todes“ oder auch „Haus des ewigen Lebens“ lauten.

Ein jüdisches Friedhofareal muß nach alter Tradition einen gewissen Abstand zum Wohnort oder dem Wohnbezirk der jüdischen Gemeinde aufweisen. Auch hier zeigt sich ein Unterschied zwischen jüdischen und christlichen Begräbnissitten, denn der Friedhof der christlichen Pfarreien lag früher meist in unmittelbarer Nähe der Kirche.

Glücklicherweise haben sowohl der alte jüdische Friedhof in der Weidegasse als auch der neue auf dem Trierer Hauptfriedhof in der Gesamtheit ihrer Anlage die Zeit des Nationalsozialismus weitgehend unbeschadet überstanden. Besonders die Grabmale des alten Friedhofes in der Weidegasse sind ein kulturgeschichtlich überaus wertvolles Dokument. Hier finden sich auch die Gräber der Vorfahren Karl Marx. Allzu viele jüdische Friedhöfe wurden während der Diktatur des Nationalsozialismus vernichtet, beispielsweise in Mainz und Ingelheim. Was umso bitterer ist, weil die Grabstätten im jüdischen Glaubensverständnis, wie bereits erwähnt, nicht zerstört und aufgelassen werden dürfen.

Einzelne Grabstätten und Grabsteine haben allerdings Beschädigungen durch Bombenfall erlitten und unflätige Schmierereien auch noch in der jüngeren Zeit stattgefunden. Die Schäden sind so gut als möglich wieder beseitigt worden. Heute ist die Anlage in der Weidegasse ist nur nach Anmeldung zu besuchen, um weiteren Beschädigungen vorzubeugen. Den Witterungseinflüssen sind die Grabmale aus Sandstein aber weiterhin ausgesetzt, was manche Inschriften unlesbar macht.

Aus dem Jahr 1954 stammt das Denkmal, das die Jüdischen Kultusgemeinde Triers errichten ließ. Es steht auf dem Areal des jüdischen Grabfeldes auf dem Trierer Hauptfriedhof. Es trägt neben der Darstellung des Davidsternes eine deutsche und eine hebräische Inschrift. Am 9.5.1954 wurde das Ehrenmal nach jüdischem Ritual geweiht. Die deutsche Inschrift liest sich wie folgt: „Den Opfern der Verfolgung aus Trier und Umgebung zum Gedenken. Den Lebenden zur Mahnung. 1933-1945“. Die deutsche Übersetzung des hebräischen Textes nach der gängigen Literatur lautet: „Zum Gedenken an die während der Herrschaft der (verbrecherischen) Bosheit Ermordeten aus der Heiligen Gemeinde von Trier und Umgebung. Das ganze Volk soll (es) hören und soll nicht mehr in Zukunft Böses üben.“

Bei der Betrachtung der jüdischen Friedhöfe und Grabdenkmäler fällt vor allem auf, daß kein Grabschmuck wie auf den christlichen Gräbern zu finden und die Symbolik und Ornamentik der Grabsteine eine andere ist. Auch Blumenschmuck ist kaum zu finden, die meisten Gräber werden von Bodendecker-Pflanzen bewachsen. Nach orthodoxer Auffassung galt Blumenschmuck auf dem Grab früher außerdem als verboten. Die Gestaltung der modernen Grabsteine unterscheidet sich bis auf den fehlenden Blumenschmuck optisch kaum noch von denen der christlichen Gräber.

Erwähnenswerte Besonderheit aus dem jüdischen Bestattungsbrauchtum sind die kleinen Steine, die sich häufig auf den Grabmalen finden. Es ist Sitte, daß man jedes Mal, wenn man das Grab eines verstorbenen Verwandten aufsucht (zum Beispiel am Jahrestag des Todes), neben dem Sprechen eines Gebetes auch einen kleinen Stein auf seinem Grabmal ablegt. Eine häufig herangezogene Erklärung für diese Sitte lautet:

Als in früheren Zeiten das jüdische Volk noch in der Wüste gelebt hatte, waren dort auch die Toten beigesetzt worden und der Aushub eines Erdgrabes nicht immer möglich gewesen. So mußte an den Grabstellen die Totenruhe durch steinerne Schutzwälle gegen streunende wilde Tiere gesichert werden. Jeder Stein mehr bedeutete auch mehr Schutz. Überdies haben fremde Personen, die später an einem Grab vorbeikamen, ihrerseits zum Erhalt des Grabes einen Stein dazugelegt. Daran soll der Brauch heute noch erinnern.

Auf dem erwähnten Areal des Trierer Hauptfriedhofes finden sich die Grabstätten der Trierer Bürger jüdischen Glaubens, darunter viele hochangesehene und wohlhabende Geschäftsleute ihrer Zeit. Die Sozialstruktur der Trierer Juden gliederte sich damals vor allem in mittelständische Kaufleute, aber auch in Akademiker und Großkaufleute. Selbstverständlich waren jüdische Bürger auch in den ärmeren Gesellschaftsschichten zu finden. Das deckt sich in etwa mit den Ergebnissen einer Erhebung des Jahres 1844, die zeigte, daß von 87 berufstätigen Juden drei Ärzte, drei Privatiers und 44 Handeltreibende waren, außerdem zehn Handwerker, zwei Pferdehändler, fünf Gehilfen und 16 Gesindeleute. Vier Personen werden unter übrigen Berufen geführt und zehn als Almosenbedürftige.

Zu den angesehenen Kaufleuten zählte zum Beispiel der Kaufmann Julius Gumprich, der zusammen mit seinem Bruder Sigmund das väterliche Unternehmen leitete, die „N. Gumprich, Herren – und Knabenkleidung - feine Maßschneiderei“, eine der führenden Textilwarenhandlungen der Zeit. Das 1857 von Nathan Gumprich gegründete Geschäft hatte seit der Jahrhundertwende seinen Sitz in der Fleischstraße, nachdem es ursprünglich in der Brotstraße gelegen war.

Julius Gumprich, der am 2. Juni 1858 geboren worden war, verstarb am 23.4.1937 in Trier und wurde auf dem jüdischen Areal des Hauptfriedhofes zu Grabe getragen. Er war der Onkel der bekannten Trierer Schriftstellerin Gerty Spies, geborene Gumprich.

In ihren Erinnerungen schildert sie auch anschaulich ihren Onkel Julius. Sigmund Gumprich, der 1926 in Frankfurt verstorben war, war Mitbegründer des Vereins Trierisch gewesen und auch gelegentlich als Mundartdichter aufgetreten.

Auch der Arzt Dr. Manfred Baßfreund fand hier seine letzte Ruhestätte. Der Sohn des Oberrabbiners Jakob Baßfreund starb 1932 im Alter von nur 43 Jahren und wurde hier bestattet. Die Familie hatte in der Metzelstraße 26 gewohnt, wie die Adreßbücher der Stadt Trier belegen. Schon Jakob Baßfreund, der bereits 1919 in Breslau verstorben ist, wurde 1901 an dieser Adresse geführt.

Ein besonders trauriges Schicksal weist das Grab des Kriegsblinden Ernst Salm, der zwar als einer der wenigen die Deportation nach Theresienstadt überlebt hatte und wieder nach Trier zurückgekehrt war, aber bereits im August 1949 im Alter von knapp 57 Jahren verstarb. Im Ersten Weltkrieg hatte der Kaufmann Ernst Salm sein Augenlicht verloren. Dennoch wurde er nicht verschont, sondern in ein Konzentrationslager deportiert.

Ein ähnlich tragisches Geschehen widerfuhr dem Kaufmann Erich Süßkind, der 1902 in Jülich zur Welt gekommen war. Zusammen mit seiner ersten Frau Berta Hirsch und Sohn Alfred wurde Süßkind ins KZ Auschwitz verschleppt, wo seine Familie ermordet wurde. Süßkind selbst hatte das Glück, die Torturen zu überleben. Er gründete später in Trier mit Betty Meyer, die eine Überlebende der Deportation in das KZ Theresienstadt war, eine Familie. Erich Süßkind verstarb am 25. Februar 1987 und wurde auf dem Trierer Hauptfriedhof beigesetzt.


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