Die Geschichte

Vorneweg ein wenig Zahlenmaterial:

11 Ordensgemeinschaften haben bzw. hatten auf dem Trierer Hauptfriedhof ihre eigenen Grabfelder, darunter z.B. die Kongregationen der Weißen Väter, der Jesuiten, der Redemptoristen, der Borromäerinnen, der Waldbreitbacher Franziskanerinnen und der Barmherzigen Brüder von Mariahilf.

Die Fläche des Friedhofes beträgt circa 15 Hektar, auf denen im Schnitt ungefähr 14.000 Tote innerhalb der gesetzlichen Ruhefrist von 20 Jahren für Erwachsene und 15 Jahren für Kinder bestattet sind.

Etwa 3500 Kriegstote sind auf dem Trierer Hauptfriedhof beigesetzt. In sechs Grabfeldern ruhen hier deutsche Soldaten und russische Kriegstote der beiden Weltkrieges, verstorbene polnische Bürger aus dem Sammellager des Zweiten Weltkrieges, Trierer Bombenopfer des Zweiten Weltkrieges und serbische Soldaten des Zweiten Weltkrieges.

Darüber hinaus gibt es auch heute noch ein reserviertes Areal, das" Katastrophenfeld" genannt wird. Es wird vorgehalten, um der Aufnahme einer größeren Anzahl von Toten, die einem Unglück, einer Seuche, kurz einer (hoffentlich nie stattfindenden) möglichen verheerenden Katastrophe zum Opfer fallen.

Neben den Wahlgräbern (Erd- und Urnenbestattung), Reihengräbern (Erd- und Urnenbestattung) und anonymen Begräbnisfeldern finden sich auch 21 Gruften auf diesem Friedhof, darunter 2 Grabkapellen. Die Grabkapelle Mohr, die erst kürzlich renoviert worden ist und "Schaeidts Kapellchen".

Was die Daten und Inschriften der Grabmäler zeigen ist, wie oft junge Menschen gestorben sind. Vielfach wurden Kinder betrauert, aber auch junge Mütter, Menschen in der Lebensblüte, raffte der Tod unerbittlich dahin. Für die Jahre zwischen 1815 und 1900 ergibt sich beispielsweise eine durchschnittliche prozentuale Säuglings- und Kleinkindersterblichkeit von 37,5 % an der Gesamtsterblichkeit. Nur drei von vier Neugeborenen überstanden das erste Lebensjahr. Die geringste Mortalität fand sich bei den Menschen zwischen 21 und 50 Jahren.

Am 12. Juni des Jahres 2004 feiert der Städtische Hauptfriedhof Trier seinen offiziellen 200. Geburtstag, wenngleich er erst am 10. Oktober 1808 erstmalig belegt wurde.

Das Datum wurde gewählt, weil an diesem Tag das napoleonische „Decrét imperiale sur les sepultures“ verabschiedet wurde, das die Neuanlegung und Ausgestaltung von Friedhöfen regelte. Da auch Trier zum französischen Herrschaftsbereich gehörig war, galt dieses Gesetz auch hier.

Von nun an mußten alle Begräbnisplätze außerhalb der bewohnten Stadtgebiete angelegt werden und innerstädtische Friedhöfe geschlossen werden. Der Platz des Trierer Hauptfriedhofes lag vor zweihundert Jahren noch weit außerhalb der bewohnten Stadtviertel.

Daß es in Trier bis zur Realisierung dieses Gebotes ganze vier Jahre brauchte, lag vermutlich daran, daß das notwendige Terrain nicht eher verfügbar war.

Als erste Verstorbene trug man am 10. Oktober 1808 auf dem Hauptfriedhof eine „Jungfer“ Anna Maria Schwickerath zur letzten Ruhe, die im Alter von 49 Jahren in der Pfarrei St. Gangolf verstorben war. In Trier war der Friedhof daher auch noch lange unter der Bezeichnung „Schwickerathsbungert“ bekannt.

Das Bevölkerungswachstum machte mehrere Erweiterungen nötig, auch Umgestaltungen erfuhr der Friedhof im Laufe seiner Nutzungszeit einige. Die aufwendigsten dürfte der Eingangsbereich Herzogenbuscherstraße erfahren haben.

 

Den Hauptfriedhof betrat man bis 1870 durch ein klassizistisches Portal, das durch den Stadtbaumeister Johann Georg Wolff entworfen und dessen Ausführung 1832 vom Trierer Stadtrat genehmigt worden war. Dieses Eingangstor lag etwa auf der Höhe der heutigen alten Kapelle.

1870 wurde das Tor dann abgerissen, da man den Platz benötigte, um das Friedhofsgelände weiter auszudehnen. Auf dem Platz vor dem alten Tor, heute zwischen der alten Kapelle und dem Eingangsgebäude gelegen, wurden damals Gräber für gefallene französische Soldaten des Deutsch-Französischen Krieges (1870/71) angelegt.

1922 erschien in der Zeitschrift Kur-Trier ein kleiner Artikel über dieses zu dem Zeitpunkt schon lange zerstörte Portal. Der Autor Wilhelm Schäfer hatte sich damals an das alte Tor erinnert, und der Künstler Theo Sternberg aus diesen Erinnerungen eine Federzeichnung des Portals angefertigt. Diese Beschreibung ist allerdings nicht als sichere Darstellung anzusehen. In der Literatur über Johann Georg Wolff und den Trierer Klassizismus wird die Sternbergsche Zeichnung als nicht ganz zum Oevre und Arbeitsstil Wolffs passend erklärt. Dagegen entspräche die Schilderung durch Schäfer schon eher dem Wolffschen Stil. Auch wegen des langen Zeitabschnitts zwischen Abriß des Tores und der Verfertigung von Schäfers Bericht scheint es nicht sicher, daß diese Beschreibung exakt der Realität entsprach.

Das Tor aus Hausteinen besaß drei Durchgänge. Der mittlere, höher als die beiden seitlichen, war für Begräbnisse gedacht, und so hoch, daß auch ein sehr großer Beerdigungszug oder Leichenzug durchgepaßt hätte, samt der Fahnenträger mit ihren aufgerichteten Fahnen. Die seitlichen Öffnungen sollten der täglichen Nutzung durch die Friedhofsbesucher dienen. Dieser Portaltyp entspricht in etwa dem Typus eines dreitorigen Triumphbogens, wobei bei der architektonischen Ausführung und der Wahl der Formensprache darauf geachtet wurde, dem Portal den triumphalen und freudigen Ausdruck zu nehmen.

Auf den beiden seitlichen Durchgängen hatten ursprünglich die Statuen von Johannes dem Täufer aus St. Maximin in Trier und dem Heiligen Bruno aus der Kartause gestanden, die aber 1922 dem Autor Schäfer bereits als verschollen galten.

Genaueres über die erwähnte Kartause sagt Schäfer nicht aus, es wird sich aber entweder um die Trierer Kartause St. Alban gehandelt haben, die in der Nähe des heutigen Trierer Stadtbades gestanden hatte oder aber um deren Nachfolgerbau bei Konz, der Kartause St. Bruno in Merzlich. Gründer des Kartäuserordens war Bruno von Köln gewesen, der Anfang des 12. Jahrhunderts verstorben war. Die Trierer Kartause hatte ihren Namen von dem Märtyrer St. Alban erhalten. Durch Erzbischof Balduin war sie 1331 am Heiligenkreuzberg in Trier gegründet worden. Nach ihren Zerstörungen im 16. Jahrhundert und unter dem französischen Befehlshaber Vignory 1674 wurde sie 1680 an anderer Stelle, in Merzlich bei Konz wieder neu errichtet. Dieses Areal gehörte zum Klosterbesitz der Kartäuser. Nach der Säkularisation wurde das seit 1794 verlassene Kloster versteigert und teilweise abgebrochen, die Ruinen der Kirche am Ende des 19. Jahrhunderts wieder zu einer Kirche aufgebaut; heute dient sie den Konzer Bürgern als Pfarrkirche. Heute gehört die ehemalige Kartause zur Stadt Konz; sie liegt vor den Toren der Stadt und gibt dem Stadtteil seinen Namen. Möglicherweise ist die Figur des heiligen Bruno schon in der ersten Kartause vorhanden gewesen, dann in den „Neubau“ nach Merzlich (Konz) gekommen und schließlich während der Säkularisation entfernt und später für das Friedhofsportal verwendet worden.

Was dem Hauptfriedhof bis 1816 gefehlt hatte, war eine Leichenhalle und eine Kapelle. Der bekannte Trierer Bürger Johann Peter Job Hermes (von Beruf Jurist) stiftete als Andenken an seine am 6. April 1815 verstorbene Mutter Katharina, geborene Nell, dem Friedhof ein Leichenhaus mit Kapelle. Diese lag in etwa dort, wo sich heute das Denkmal für die in der Folge des Deutsch-Französischen Krieges verstorbenen deutschen Soldaten erhebt, westlich der alten Kapelle am Hauptweg.

Der 1765 in Trier geborene Job Hermes arbeitete als studierter Jurist in den höchsten Ämtern und war zusammen mit dem Trierer Bischof Charles Mannay als Vertreter der Stadt Trier 1804 sogar bei der Kaiserkrönung Napoleons anwesend. Hermes schenkte der Stadt Trier nicht nur die erwähnte Friedhofskapelle und seine bedeutende Kunstsammlung, sondern der Stadtbibliothek Trier auch seine Privatbibliothek mit circa 22.000 Bänden. Am 28. November 1833 starb dieser Bürger, dem die Stadt sehr viel zu verdanken hat. Man kann von Johann Peter Job Hermes als von einem großzügigen Mäzen seiner Heimatstadt sprechen, der seinen Wohlstand nutzte, die kulturellen Belange Triers zu fördern.

Nun mag man denken, es sei doch ein arges Versehen gewesen, bei der Planung eines Friedhofes die Leichenhalle zu vergessen. Dazu muß man aber anmerken, daß es damals noch allgemein üblich war, den Verstorbenen bis zur Beerdigung in der Wohnung der Familie aufzubahren und erst am Begräbnistag im Trauerzug oder Leichenzug zum Friedhof zu bringen. Die Totenwache wurde also noch in der Wohnung und innerhalb der Familie abgehalten. Die kirchliche Totenfeier fand in der Kirche der Pfarrei statt, zu der der Verstorbene gehörte. Schließlich erfolgte der Sterbeeintrag im Kirchenbuch der entsprechenden Pfarrei. Auch mit Aufkommen der Zivilstandsregister wurden die Kirchenbücher selbstredend weitergeführt. Der Bau und die Nutzung von Leichenhallen wurde allgemein üblicher, als ein preußisches Gesetz 1827 vorsah, daß Verstorbene nicht vor Ablauf von zweiundsiebzig Stunden nach ihrem Ableben beerdigt werden durften und vorher Zeichen der Verwesung erkennbar sein mußten.

Im Laufe der Jahre hat sich dann der alte Brauch der Totenwache im familiären Umfeld immer weiter verändert, und heute ist der Gedanke, einen Verstorbenen bis zur Bestattung in der Wohnung zu belassen, für viele Menschen gewöhnungsbedürftig geworden. Wenngleich sich mittlerweile aber auch wieder Tendenzen in die andere Richtung zeigen, daß nämlich Menschen von ihren verstorbenen Angehörigen wieder länger und vor allem privater Abschied nehmen möchten und sie daher in der Wohnung aufgebahrt belassen wie früher, und die recht unbefangen und offen an das Thema Tod herangehen. An diesem Beispiel zeigt sich deutlich, daß die Entwicklung der Sepulkralkultur eben nicht abgeschlossen ist und sich auch in der Zukunft immer weiter verändern wird.

Die Menschen lebten früher aber im allgemeinen sehr viel selbstverständlicher mit dem Tod als es heute üblich ist.

1850 wurde die von Hermes gestiftete Kapelle noch einmal vergrößert, bevor man sie 1870 abriß, um wie bereits erwähnt, den Friedhof im Eingangsbereich zu vergrößern. Die dann weiter östlich als Ersatz 1870 errichtete größere Friedhofkapelle mit Aufbahrungsraum bzw. Leichenhalle, ist im Sprachgebrauch mittlerweile wieder die alte Kapelle, wenngleich auch sie heute noch genutzt wird.

Die farbigen Fenster der alten Kapelle sind von dem unlängst verstorbenen, auch auf diesem Friedhof beerdigten Trierer Künstler Jakob Schwarzkopf entworfen worden. Wenn das Sonnenlicht durch diese Fenster einfällt, leuchten die Farben des Glases und werfen traumhafte Lichtspiele an die Kapellenwand.

Im Inneren des Kapellenraumes findet sich ein Epitaph zum Gedenken an den Stifter des Vorgängerbaues Hermes.

Im Gebäude mituntergebracht ist die alte Leichenhalle und der Sezierraum. Einst war hier, wie es auch in den Leichenhallen anderer Städte schon lange üblich war, ein Glockenzug angebracht, der an den Extremitäten des Aufgebahrten befestigt wurde, um der Gefahr der Beerdigung eines Scheintoten vorzubeugen. Bei der geringsten Erschütterung, ausgelöst durch eine Bewegung des vermeintlichen Toten, wurde der Leichenwärter alarmiert. Da sich die Totenwache nun aus dem familiären Umfeld wegentwickelte, wurde auch eine solche Kontrolle wichtiger.

Die Kapelle ist im neogotischen Stil entworfen und hat neben einem Langhaus östlich und westlich je ein Querhaus. Da die ganze Anlage eher klein ist, liegen die beiden Querhäuser dicht aneinander. Die Neogotik zitiert die Bauweise und Stilmittel der Gotik und war als Bestandteil des Historismus in Europa und Deutschland sehr populär. Insbesondere Maßwerk, Spitzbögen, Blendarkaden, Fialen und andere typischen Merkmale der Gotik wurden als Mittel der Formensprache wiederbelebt.



 

An der östlichen Seite, also dort wohin der Blick eines Friedhofsbesuchers zuerst fällt, ist am Langhaus ein großes Maßwerkfenster mit einem liegenden Fünfpaß eingelassen. Westlich findet sich wieder ein solches Fenster, dem aber im unteren Bereich der Eingang zur Kapelle, der auf dieser Seite liegt, vorgestellt ist. Das Eingangsportal wird von zwei Säulen umrahmt. Unter dem Giebel findet sich eine Archivolte, der Tympanon zeigt einen Dreipaßbogen. Das ganze wird durch einen Dreiecksgiebel überdacht.

Eine auffällige Verzierung bilden die Krabben, die den östlichen und westlichen Giebel des Langhauses säumen. Die Dreiecksgiebel der Querhäuser haben diesen Schmuck nicht, sind aber an den Außenseiten getreppt.

Leider nagt der Zahn der Zeit an dem schönen Gebäude und Restaurierungsarbeiten wären dringend angebracht.